Teil 9: Im Land der schnellen Züge

Chinas Bahnhöfe und die Kunst der Inszenierung

Zum ersten Mal einen Bahnhof in China zu betreten, hat etwas Einschüchterndes. Gleich am Anfang stehen riesige Kofferscanner, in denen die Gepäckstücke durchleuchtet werden. Alle Reisenden müssen sich ausweisen oder anderweitig als zugangsberechtigt legitimieren (bei Inlandsreisenden soll das per Gesichtsscann gehen). Dann tritt man – wie bei uns in Flughäfen – durch einen Metalldetektor und wird von einer Sicherheitsbeamtin abgetastet und gescannt, während das X-Ray-Gerät nebenan deine Koffer am anderen Ende wieder ausspuckt.

Der Bahnhof in Chengdu.

Grundsätzlich gilt: Wer kein gültiges Zugticket hat (und das wird nur anhand des Personalausweises ausgelesen), kommt gar nicht rein. Ist diese Hürde überwunden, steht man in einer riesigen Halle, und die sah bei den meisten Bahnhöfen, die wir kennengelernt haben, relativ gleich aus. Riesengroß, hohes Deckengewölbe, große Fensterfronten, in der Mitte Hunderte Bänke für Wartende, an den Seiten jeweils Aufgänge zu Shops, Restaurants und Raucherräumen – in China wird vergleichsweise viel geraucht.

Unten gibt es dann noch ein paar Snackstände, an denen man Wasser, Chips, Softdrinks und kross gebratene Hühnerfüße bekommt – was man halt so braucht vor einer Zugfahrt.

Knusprige Hühnerfüße gefällig? Das Angebot hängt unter der Leuchtreklame, untere Reihe, das vierte von links.

Das eigentliche Spektakel beginnt etwa 30 Minuten vor Abfahrt des Zuges. Anders als in Deutschland läuft man nicht einfach zum Gleis und lungert dann auf dem Bahnsteig herum, den Blick auf die Verspätungsmeldungen gerichtet (so etwas gibt es in China schon mal gar nicht – Verspätungsmeldungen). Stattdessen nehmen die Reisenden Aufstellung vor dem Gate, das für ihren Zug an großen Tafeln angezeigt wird. Es sind lange Schlangen, die sich dort – ordentlich aufgereiht – bilden, getrennt nach Inländern und denen, die mit dem Ausweis einchecken müssen. Etwa 25 Minuten vor Abfahrt des Zuges erscheint das uniformierte Personal, positioniert sich an den Einlassschaltern und öffnet die Gates. Nun strömen die Passagiere in vier bis fünf parallel eincheckenden Schlangen hindurch. Bei uns Ausländern wird wieder der Ausweis eingescannt, und wenn das passende Zugticket mit unserer Passnummer verknüpft ist, leuchtet ein grünes Licht. Hinter dem Checkin sind mobile Absperrgitter aufgestellt, die den Menschenstrom aufs richtige Gleis leiten. Es ist also nicht möglich, versehentlich in den falschen Zug zu steigen.

Die Gates beim Einchecken in den Zug. Im Zug selbst erfolgen keine weiteren Kontrollen. Die Züge fahren bis zu 350 km/h.

Die Züge sind sehr lang, oft 500 bis 600 Meter, und fairerweise (zumindest für eine als sozialistisch bezeichnete Staatsform) müssen die Passagiere der ersten Klasse am weitesten laufen, da sich die Erste-Klasse-Waggons ganz vorne befinden. Die Wagennummern und Einstiegspositionen für die jeweiligen Plätze im Abteil sind auf dem Bahnsteig aufgemalt. Ist der Zug noch nicht da, stellen sich die Reisenden vor dem Einstieg zu ihrem Wagen wieder in einer Reihe auf. Die gelbe Linie, die es bei uns auch gibt, und die den Sicherheitsabstand zu einfahrenden Zügen anzeigt, wird ganz unbedingt nicht übertreten. Wir haben es einmal probiert, es hat sofortige Maßregelung zur Folge. An jedem Waggonabschnitt stehen häufig noch eine Bahnbeamtin oder ein Bahnbeamter, die darauf achten, dass alles geordnet abläuft. Meist haben diese Personen ein Megaphon, durch das sie fortlaufend Anweisungen rufen. Da alle fünfzig Meter so ein Mensch steht und alle Megaphone haben, ergibt das manchmal erstaunliche Klangmuster.

Sobald der Zug da ist, steigen alle ein und suchen mehr oder weniger ungeordnet ihre Plätze, so wie bei uns auch.

Die meisten Ecken des Landes sind mit einem Netz aus Schnellzügen verbunden, langnasigen Kreaturen, die mit über 300 km/h durch die Landschaft rauschen. Unterwegs kann man aus dem Fenster schauen, oder das Programm auf den Bildschirmen verfolgen, die in den Waggons an der Decke hängen. Da draußen oft nur Tunnelwände zu sehen sind, ist das häufig interessanter. Die Filme, die wir gesehen haben, drehten sich entweder ums Essen (und man staunt, was alles als essbar gilt. Oft dachte ich irrtümlich zuerst, die gezeigten Tiere wären für eine Naturdoku gefilmt worden), oder es geht um Hinweise für gutes Verhalten. Letzteres wird gerne im Zeichentrickformat dargestellt. Ein für mich besonders einprägsamer Spot zeigte verschiedene Möglichkeiten, in ein chinesisches Gefängnis zu gelangen. In einer Variante sah man einen Zeichentrickmann, der in einer U-Bahn einen anderen Mann zu Boden schubst. In der nächsten Sequenz sah man den Rempler weinend hinter Gittern. In einer anderen Szene beschimpfte und schubste ein Mann einen Bahnmitarbeiter beim Zug-Check-in: gleiches Ende.

Beim Checkout aus dem Bahnhof wiederholt sich das Prozedere in etwas abgemilderter Form. Keine Gepäckkontrollen, jedoch abermaliges Vorzeigen des Ausweises. Dann strömt man mit Hunderten anderer Reisender aus dem Bahnhof heraus und ruft sich in einer speziellen Pick-up-Zone per App ein „DiDi“, was eine Mischung aus Uber und Taxi ist – wiederum nur besser organisiert.

Ein „Didi“ ruft man per App. Es kann ein Privatwagen sein oder ein Taxi. Auf dem Handy kann man verfolgen, wie weit der Fahrer entfernt ist, was die Fahrt kosten wird, und auch während der Fahrt hat man die Route im Blick.

Die letzte Zugfahrt in China war für mich mit dem Grenzübertritt nach Laos verbunden. Das machte die Sache noch einmal aufregender. Aber alles war – wie immer – perfekt organisiert. Ich war zu früh am Grenzbahnhof in Mohan und wurde von einer Beamtin in Empfang genommen, die mich zu einer Sitzgruppe führte und mir auf ihrer Übersetzungsapp den hübschen Satz „Sie warten an eine feste Ort und unsere Mitarbeiter Sie holen, wenn es pünktlich ist“ zeigte. So war es auch. Als der Zug mit den anderen Grenzreisenden eintraf, wurde ich angesprochen und dazugeholt, und gemeinsam formten wir wieder die schöne Gemeinschaft der Wartenden. Als die Kontrollbeamten ihre Positionen eingenommen hatten und die Tore öffneten, strömten wir synchron nach vorn: Alle gleichzeitig, ein perfekt inszeniertes Ballett der Reisenden.

Der Bahnhof in Mohan, Südchina, ist gleichzeitig der Grenzübergang nach Laos.


Kommentare

Eine Antwort zu „Teil 9: Im Land der schnellen Züge“

  1. Tolle Beschreibung, danke, liebe Silke. Viel wohlwollende Neugier ist Dir – bei aller Fremdheit – anzumerken, und das klingt alles sehr spannend. Schön, dass Du das endlich mal wieder machen konntest. Liebe Grüße aus dem strahlend hellen, aber eisigen Berlin 🙂

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