Zwei Landeier auf einem Hochhaus
Weder Ingo und ich sind Großstadtmenschen. Besonders Ingo liebt, obwohl gebürtiger Berliner, das Land. Insofern war ich beeindruckt, als wir in Chengdu die nächste Etappe besprachen und er zur Frage „Megacity, wirklich? Oder doch lieber gleich aufs Land?“, sagte: „Doch, da sollten wir hin.“ Also ab nach Chongquing, der neuen „it-Stadt“ unter Chinas Metropolen.

Das Zentrum von Chongquing sieht auf Google Maps aus wie Manhattan. Eine langgestreckte Landzunge, umschlossen von zwei Flüssen, dem Jialing, der in den Yangtze mündet, Chinas längsten Fluss. Dazwischen: Die Manhattan-Insel, die hier Yuzhong Peninsula heißt, aber genauso vollgestellt ist mit Hochhäusern.
In einem davon, ziemlich weit an der Spitze, hat uns Ingo ein Hotelzimmer gebucht. Um dorthin zu gelangen, muss man mehrere enge Fahrstühle benutzen, in denen den dicht gedrängten Fahrgästen Filme von brennenden Hochhäusern vorgespielt werden. Sollte irgendein Verhaltenstherapeut Räumlichkeiten suchen, an denen man Klaustrophobie abtrainieren möchte: Dies wäre der Ort.
Mit dem beginnenden Abend brechen wir auf zur Suche nach spektakulären Locations. Chongquing ist eine Stadt der Nacht, und mit Einbruch der Dunkelheit setzt eine atemberaubende Transformation ein. Die Nachtmärkte erwachen zum Leben, überall sind Menschen, die Hochhäuser leuchten und glitzern.

Wir versuchen auf eine der Dachterrassen zu gelangen und irren über eine Stunde durch eine riesige Shoppingmall. Die Stimmung zwischen den Landeiern wird spürbar gereizter. Schließlich weichen wir auf ein bodennahes Event aus: Die hängenden Häuser in Hongyadong. Das Viertel ist ein Nachbau, wurde aber historischen Bauformen nachempfunden. Man klettert über schmale Treppen auf die unterschiedlichen Ebenen, schiebt sich mit Touristenströmen durch die Gassen. Aus allen Richtungen hupt und dröhnt und rasselt es, Musik tönt aus den Bars durcheinander und wird überlagert von den per Megaphon verstärkten Werberufen der Händler. Wow. Wofür geworben wird: Knusprige Schweinenasen, frittierte Kaninchenköpfe, Massagen, Drinks, Innenohrreinigung. Bei letzterer liegt ein Mensch hochzufrieden und entspannt auf einem Liegestuhl, während ihm ein anderer mit einer Sonde im Ohr bohrt. Die Reinigung wird per Kamera auf einen großen Bildschirm übertragen, vor dem weitere Menschen stehen und sich das Innenohr live auf dem Bildschirm anschauen.






Ganz zum Schluss landen wir dann doch noch auf einem Hochhaus. In „Susies Sky-Bar“, einer Lounge in der 76. Etage, bei Techno und Gin-Tonic.

Am nächsten Morgen treten wir auf die Frühstücksterrasse unseres Hotels, blicken nach unten und sehen das wahre Chongquing: Auf den Dächern der Hochhäuser bieten Händler ihre Waren an, Gemüse, Früchte, Dinge des täglichen Lebens. Dazwischen die Einwohner von Chongquing, die einkaufen gehen, oben auf dem Dach, an einem ganz normalen Wochentag in ihrem ganz normalen Leben.


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