Silke und ihre Luxuswoche: Privathotel am Nam Ou
Laos ist ein vielfältiges Land. Unzählige Sprachen, ethnische Gruppen, Dörfer, Städte, Flüsse. Regenwald. Das Mekongdelta. Französische Kolonialgeschichte. Insofern ist das, was ich mit Laos verbinde, recht eingeschränkt: Das Nam Ou Riverside Ressort, rund 30 Kilometer außerhalb von Luang Prabang, und außerdem ein paar Gedanken über Projektionen in Richtung „arm, aber glücklich“, inspiriert durch das Dorf, das an das Ressort grenzte. Und weitere zu Plastikmüll. Aber eins nach dem anderen.

Das Land hat etwa 7,5 Millionen Einwohner – also grob gerechnet zwei Mal Berlin – die über 80 eigenständige Sprachen sprechen, Dialekte nicht mitgerechnet. 49 ethnische Gruppen sind im Land offiziell anerkannt. Was für ein Babel. Schaut man es auf der Karte an, sieht es ein bisschen aus wie ein Komet – so wie der Stern von Bethlehem auf Kinderzeichnungen. Es grenzt mit der Sternseite an China, Myanmar, Thailand und Vietnam, der Schweif wird im Süden von Kambodscha begrenzt.
China ist der „big brother“, und das im wörtlichen Sinn: Der große Nachbarstaat fördert und dominiert das wirtschaftlich schwache Binnenland. China baut Straßen, Schienennetze und liefert Kooperationen – die mit Verpflichtungen einhergehen.

Der Bahnhof in der Grenzstadt Boten: Eine Kooperation mit China.
Mit einem diesem Kooperationsprojekte bin ich Anfang Januar 2026 ins Land gekommen. Nach der Fußpassage durch den Zoll, in dem ein streng schauender Beamter mein Visum kontrolliert und den Stempel in den Pass gesetzt hat, bin ich in den Zug gestiegen, der Laos durchquert, von Boten an der chinesischen Grenze bis in die Hauptstadt Vientiane, die an Thailand grenzt. Ich bin auf halber Strecke ausgestiegen, in Luang Prabang, einer Stadt am Mekong, die aufgrund ihrer gut erhaltenen französischen Kolonialbauten unter dem Schutz der UNESCO steht.

Nachtmarkt in Luang Prabang.
Was mir zuerst ins Auge fiel, waren allerdings nicht die Tempel und die französischen Balkone, sondern tonnenweise westliche Touristen. In den Straßen von Luang Prabang erklingt Deutsch, Italienisch, Englisch, Spanisch – und relativ häufig auch Französisch. Die alten Kolonialverbindungen haben sich als beliebtes Reiseziel manifestiert. Noch auffälliger ist das in der Hauptstadt Vientiane: Dort fährt man an einem rot-weiß-gestreiften Eifelturm vorbei, umrundet eine verkleinerte Version des Arc de triomphe und passiert Straßenshops, die Baguette anbieten. In den Restaurants bekommt man französischen Rotwein.

Paris en miniature: Ein kleiner Arc de Triomphe steht in Vientiane. Außerdem ein kleiner Eiffelturm.
Aber zurück nach Luang Prabang. Nachdem wir in China als Westler Exotenstatus hatten, war es ein kleiner Schock, in ein solches Touristenmekka zu geraten. Ich habe versucht, Luang Prabang zu mögen. Wirklich. Und es hätte es verdient, mit seinen kleinen Caféstuben am Mekong, den Tempelanlagen und den Nachtmärkten. Aber irgendwie haben wir nicht zueinander gefunden. Nach drei Nächten in einem mittelprächtigen Hostel habe ich auf der Karte bei Booking.com herumgescrollt und mehr oder weniger willkürlich ein Hotel gebucht, das an einem Zufluss des Mekong lag, dem Nam-Ou, rund 30 km nördlich von Luang Prabang. Um dorthinzukommen, brauchte ich ein Taxi. Die Verhandlung mit dem Taxifahrer zog sich über mindestens eine Stunde, in deren Verlauf sowohl er als auch ich mehrfach erschöpft abbrachen. Ich ging zwischenzeitlich in mein Hotel zurück, kam wieder, sah, dass er immer noch mit seinen Kollegen auf der gegenüberliegenden Straßenseite auf Kunden wartete, und er wurde von seinen Mit-Taxifahrern nach vorne geschubst und musste unter deren aktiver Beteiligung weiterverhandeln. Irgendwann gaben wir beide auf, und er fuhr mich für einen Preis, den ich zu hoch und er zu niedrig fand, über die von Schlaglöchern übersäte Straße zu dem Hotel.

Der Hauptdarsteller des Ressorts: Nam Ou, ein Nebenfluss des Mekong.
Das Nam-Ou-Riverside-Ressort war Liebe auf den ersten Blick. Eine große, wunderschöne Anlage direkt am Fluss, in der – und das fand ich am Anfang wirklich unheimlich – außer mir keine Gästen waren. Nur das hochzufrieden und entspannt wirkende Hotelteam ging dort seinen Aktivitäten nach. Täglich konnte man die Angestellten dabei beobachten, wie sie die unbesetzten Zimmer entstaubten, die Wege fegten, auf denen außer ihnen niemand ging, und den Pool reinigten, in dem kein Gast schwamm. Abends saßen sie zufrieden an einem kleinen Feuerplatz oder vor ihrem Bungalow.
Da sonst keine anderen Gäste da waren, gab man mir statt des gebuchten Zimmers einen Bungalow direkt am Fluss. Ein großzügiger Raum mit hoher Decke, Wänden aus tiefrotem Holz, und einem Boden, der direkt in eine riesige Veranda überging, vom Wohnraum abgetrennt durch eine große Front aus Glastüren. Und vor diesen Fenstern als riesiges, raumfüllendes Panorama: Der Fluss.






Eindrücke aus dem Nam-Ou-Riverside-Ressort. Eine schönere Unterkunft hatte ich nie.
Auf dieser zugegeben etwas Kolonialcharme ausstrahlenden Veranda habe ich eine knappe Woche verbracht, unterbrochen von Wanderungen am Nam-Ou, durch das Dorf und von Abendessen im Restaurant der Anlage, wieder als einziger Gast. Als am fünften Tag eine Gruppe Schweden auftauchte, die, eingestaubt von einer Motorradtour, einen Kaffee trinken wollte, fühlte ich mich fast ein bisschen wie Robinson Crusoe, der plötzlich auf weitere Schiffbrüchige trifft.



Nun zum angrenzenden Dorf. Auf den ersten Blick wirkte es durch die offenen Shops, die Straßenhunde, die Kochstellen vor den Häusern und die staubigen Wege auf mich sehr arm. Auf den Spaziergängen schaute ich genauer hin, und stellte fest, das viele Häuser massiv gebaut waren, schwere Türen mit Holzornamenten hatten, und auch mehrere Autos im Dorf parkten (Scooter sind ohnehin omnipräsent, schon die Schulkinder fahren damit). Da ich die lokale Sprache nicht sprach und aufgrund schlechter Netzabdeckung die Übersetzungsprogramme nicht funktionierten, konnte ich nicht herausfinden, was die Menschen im Dorf tatsächlich machen. Sichtbar war, dass gerade die jungen Mädchen früh eingebunden werden. Die Shops wurden teilweise von älteren Kindern betrieben, und die Apothekerin, bei der ich im etwas größeren Nachbarort ein Hustenmittel kaufte, war schätzungsweise 15 Jahre alt. Was auf mich sehr harmonisch wirkte, zu den besagten Projektionen zu einem „armen, aber glücklichen Leben in Gemeinschaft“ führte und mich fast ein wenig neidisch machte, war das sichtbare, fröhliche Familienleben. Männer, die vor den Häusern gemeinsam an Booten bauen, Frauen, die in Gruppen um die Kochstellen sitzen und lachen, Kinder, die giggelnd auf den Straßen herumrennen, Gruppen von Dörflern, die gemeinsam den Fluss nach essbarem Wasserpflanzen durchkämmen, Fische fangen und sich waschen. Und ja, ich weiß, dass das alles Projektionen sind.


Rechnet man es per Kopf, ist Laos das am stärksten bombardierte Land der Welt. Laut Schätzungen sind seid Kriegsende 20.000 Menschen durch Blindgänger getötet oder verletzt worden.
Laos zählt zu den ärmsten Ländern Südostasiens, die ländliche Bevölkerung lebt zu einem großen Teil von einfacher Landwirtschaft, Gelder fließen in die Familien häufig von einzelnen Kindern, die zum Arbeiten ins Ausland gehen. Die Familien bieten tatsächlich Schutz und Stabilität und bestimmt auch Glück – solange niemand ernsthaft krank wird und die Brotverdiener ihre Jobs behalten. Dazu kommt, dass Laos im Vietnamkrieg von den USA massiv bombardiert wurde, obwohl das Land offiziell neutral war (der Ho-Chi-Minh-Pfad führte hindurch). In den 1960er- und 1970er-Jahren fielen mehr als zwei Millionen Tonnen Bomben, von denen viele als Blindgänger bis heute im Boden liegen und immer wieder zu katastrophalen Unfällen führen.

Mein netter Helfer und seine Kollegin: Sie arbeiten im Auftrag der WHO für eine NGO in Laos, die sich um Eigentumsrechte kümmert.
Ganz zum Schluss gab es noch eine sehr nette und sehr spannende Begegnung mit einem äußerst hilfsbereiten jungen Mann, der häufiger tagsüber in der Anlage war und den ich für einen Mitarbeiter des Hotels gehalten hatte. Er hatte mitbekommen, dass ich ein Zugticket von Luang Prabang nach Vientiane buchen wollte, von wo der Nachtzug nach Bangkok startete, und mich gewarnt, dass der Zug nach Vientiane oft ausgebucht sei. Als ich am Abend vor der Abfahrt tatsächlich ohne Ticket dastand (ich hatte über eine Onlineagentur gebucht, die die Buchung am Abend vor der Fahrt stornierte), kam er noch einmal zurück ins Hotel und half mir, über seinen Account einen Restplatz zu bekommen. Danach erzählte er, dass er mit seinem Team für eine laotische Organisation arbeitet, die im Auftrag der WHO durch die ländlichen Regionen reist und die Dorfbewohner darüber aufklärt, wie sie Grundbucheinträge für ihre Häuser und Gärten bekommen. Viele leben dort über Generationen einfach so – es hat ihnen und ihren Vorfahren immer gehört, und ihnen ist nicht bewusst, dass es Investoren geben kann, die andere Fakten schaffen.

Meine Vermieterin und ihr Partner, die mich mit zum Bahnhof in Luang Prabang nahmen (auf dem Weg zum Tierarzt).
Nach diesem aufregenden Abend verabschiedete ich mich am nächsten Tag von den netten Menschen im Hotel und den Dorfhunden und stieg in den Zug nach Vientiane. Dort stand ich am Abend auf der Dachterrasse des Hotels, trank französischen Wein und konnte über den dunklen Mekong hinweg bereits die Lichter in Thailand funkeln sehen – der nächsten Etappe meiner Reise.

Die Dachterrasse des Hotels in Vientiane.
Nachtrag: Im Hotel lag ein Prospekt herum, durch den ich erfuhr, was ich alles verpasst habe in Laos. Eine ganze Menge. Am liebsten besucht hätte ich übrigens die „Gibbon experience“, Baumhäuser im Dschungel, die häufig von frei lebenden Gibbons umschwungen werden. Die Tour war ausgebucht.

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